Sonnenlicht
Ich will die Welt durch meine Augen leuchten sehn,
von Leben zu Leben,
bis ich ein Teil von ihr bin,
kein Leben mehr brauche,
bis ich die Sonne bin,
die Erde,
Mond und Sterne,
der Himmel über dem Meer.
Ich will die Welt durch meine Augen leuchten sehn,
von Leben zu Leben,
bis ich ein Teil von ihr bin,
kein Leben mehr brauche,
bis ich die Sonne bin,
die Erde,
Mond und Sterne,
der Himmel über dem Meer.
Es verliert sich.
Auch mit Dir.
Es verliert sich.
Auch der Schmerz.
Es verliert sich.
Ihr Lieben, hier nochmal die vervollständigte Aufzählung meiner Erdbeergeschichten:
1. Kleine Sonne Smilie
2. Jakob, die Erdbeere - Wie alles begann
3. Ronald, der Gockel
4. Mathilde
5. Der Redefluss
6. Als Weihnachten einmal ausfiel
7. Peterle
8. Karline
9. Der Geschichtenbaum, Fortsetzungsgeschichte von " Karline"
Denkt daran: Wenn Ihr alle Geschichten lesen wollt, geht nach rechts und klickt auf Kindergeschichten.
Eure Stoffelerzähltante
Nachdem sich Karline, die vom Geschichtenbaum heruntergeklettert war, geweigert hatte, zu Vater und Mutter zurückzukehren, hatten alle wild und aufgeregt auf sie eingeredet. " Deine Eltern werden voller Sorge sein", meinte Jakob, der Weise. "Sie werden Dir mindestens eine Woche Stubenarrest geben und das mit Recht", knurrte der hagere Jochen schlechtgelaunt wie immer. " Sämtliche Süßigkeiten werden sie Dir verbieten, Fernsehen darfst Du auch nicht mehr", schrie Roland, der Gockel, dramatisch. " Das darf ich sowieso nicht", murmelte Karline und blickte finster vor sich hin. " Möglicherweise verbieten sie Dir sogar die Schule", kicherte das unverbesserliche Käthchen. " Nein, im Ernst, mein Kind, ich bringe Dich jetzt nach Hause. Ich rede mit Deinen Eltern, dass sie Dich in Zukunft etwas mehr in Ruhe lassen." " Auf Dich werden sie bestimmt hören", rief das Walderdbeerchen Fritzchen frech. Seine Freunde Manuel, die Brombeere, Lieselotte, die Himbeere, die heimlich sowohl in Fritzchen als auch in Manuel verliebt war, und Bürstchen, die Stachelbeere, lachten lauthals. " Schluß", mahnte Jochen, der Besonnene.
Alle blickten die Rumpeloma an, wie sie so dastand mit ihren falsch bestrumpften Beinen, der dicken Brille auf der Nase, dem dünnen Haarknötchen auf dem Kopf. Ach, wie hatten sie sie alle so gern! Aber würden die strengen, ehrgeizigen Eltern von Karline auf die kleine, lustige, alte Rumpeloma hören? " Niemals", seufzte die dicke, saftige, tiefrote Erdbeere Rosalinde. " Das wird schiefgehen", stimmte ihr der hagere Jochen verdrossen zu, leicht grün wie immer, weil er nicht richtig reifen wollte.
" Das wolln wir doch mal sehen", rief Oma Käthchen fröhlich. Diesen Spruch hatte sie seinerzeit von Doktor Ziegenbart übernommen. Aber das ist eine andere Geschichte. " Kommt", rief Käthchen wieder. "Wir gehen." Sprachs, schnappte sich die widerstrebende Karline, nahm sie an die eine Hand, in der anderen Hand hielt sie die inzwischen leergefutterte, riesige Schlagsahneschüssel.
" Halt", ertönte da ein feines, leises Stimmchen. " Halt. Nehmt mich mit." Alle wandten sich erstaunt um. Da wurde doch von einem leichten Windhauch angetrieben ein Heidelbeerchen zu ihnen hingeweht. " Bestimmt hast Du den alten Pilzkopf Jeremias geärgert, der hat Dir eine geklebt und jetzt kommst Du zu uns geflogen", lachte das vorlaute Fritzchen. "Ja, genau so wars. Ich wollte zu meiner besten Freundin Lieselotte", zirpte das blaue Heidelbeerchen. Niedlich sah es aus, so klein und kugelig. Aber blau? War nicht auch ein bisschen grün dazwischen? Erinnert uns das nicht an jemanden? An jemanden, der ständig und immer schlecht gelaunt war? Richtig! Die unreife Erdbeere Jochen! Er betrachtete das niedliche grünblaue Beerchen eine Zeitlang. " Wie heißt Du denn?", fragte er mißmutig. " Mi ", antwortete das ebenfalls etwas unreife Heidelbeerchen. " Na, da haben sich ja zwei gefunden", dröhnte Gockel Ronald laut. " Schluß", mahnte Jakob, der Gütige.
" Laßt uns gehen", forderte Oma Käthchen die ganze Truppe auf. " Mi kommt mit uns mit. Beim Erdbeerfeld verabschieden wir uns. Ich bringe Karline dann allein nach Hause und rede mit ihren Eltern ein ernstes Wörtchen." Käthchen lachte ein wenig verlegen. Die anderen kicherten ein bisschen mit. Außer Jochen.
Doch es kam alles anders. In dem Moment, als sich die ganze Mannschaft auf den Heimweg machen wollte und sich langsam vom Geschichtenbaum entfernte, hörte man in der Ferne unzählige schwere Schritte, die langsam näher kamen. Lärmende Rufe ertönten, am Rande des Waldes erschienen viele Männer in schwarzen Anzügen. Jeder hielt eine Axt in der Hand, die er drohend hin und her schwang. Heimlich waren die Männer unseren Freunden gefolgt. Die schöne, große Eiche mit den hübschen Büchern war ihnen sofort aufgefallen. Jetzt wollten sie sie mit ihrer Axt fällen. Denn: " Ein Baum mit Büchern dran entbehrt jeglicher wissenschaftlicher Grundlage und wird vernichtet." Das hatte der mächtigste unter den Männern verkündet und zum Gesetz erklärt. Die anderen nickten.
Immer näher kamen sie. Der Geschichtenbaum war in höchster Gefahr. Unsere Freunde waren natürlich schnurstracks umgekehrt. Aufgeregt rannten sie zurück zur Eiche, die so stolz, so aufrecht dastand. " Wir müssen sie beschützen", keuchten sie. Verzweifelt umklammerten sie den Baum, sie wollten ihn doch retten.
Aber wie?
Es blieb ihnen kaum Zeit. Jeden Moment konnten die schwarzen Männer da sein. Schon hörte man das schrecklich surrende Geräusch der hin und her schwingenden Äxte.
Rumpeloma Käthchen blickte zum Himmel hinauf. " Puste", schrie sie in höchster Not. " Puste." Ihre Freunde wußten, wen sie meinte. Es gab nur einen, der jetzt noch helfen konnte.
Der Engel mit den zerzausten Haaren.
Nun schrien sie alle im Chor: "Puste, puste."
Da wurde es still. Totenstill. Eine Sekunde. Zwei Sekunden. Dann aber erhob sich ein leichter Windhauch. Die Bücher am Geschichtenbaum fingen leise an zu rascheln. Der Windhauch wurde etwas stärker. Bald wurde aus dem Hauch ein kräftiger Wind, der sich rasch zu einem heftigen Sturm steigerte. Zum Schluß war es ein ohrenbetäubender Orkan. Die Eiche ächzte, knarrte und stöhnte. Sie bog sich nach allen Seiten. Schließlich wurde sie mitsamt ihrer Wurzeln aus der Erde gerissen, hinaufgeschleudert in die Luft. Mit all unseren Freunden, die sich an ihr festkrallten. Mit all den bunten Büchern an ihren Ästen, die wild hin und her flatterten. Die bösen Männer aber, die in rasendem Tempo zum Geschichtenbaum gerannt waren, konnten sich nicht mehr rechtzeitig abbremsen. Einer nach dem anderen purzelte ins riesengroße Loch, das die entwurzelte Eiche hinterlassen hatte. Niemals wieder wurde einer von ihnen je gesehen.
Inzwischen hatte sich der Orkan beruhigt. Er war nun ein sanfter Wind, der den Baum, an dessen starkem Stamm die Freunde hingen, am weiten Himmel sacht vor sich hertrieb. Der Baum flog dahin. Immer weiter und weiter. Zum Glück war keiner unserer Freunde verloren gegangen. Die zarte Lieselotte wurde von Fritzchen und Manuel festgehalten. Auf das winzigkleine Heidelbeerchen Mi gab der hagere Jochen acht. Mehr als einmal knurrte er:" Mi, zum Donnerwetter, halt Dich an mir fest." So geschah auch ihr kein Leid.
Oma Käthchen, die nicht mehr die Jüngste war, wurde von Jakob, ihrem engsten Vertrauten, gehalten. " Danke, tausendmal Danke", rief sie dem Engel mit den zerzausten Haaren zu, der sie alle immer noch vorsichtig voranpustete. " Bitte blase uns doch zu unseren Freunden ins Dorf Immergrün."
Das tat der Engel mit den zerzausten Haaren auch. Es dauerte sieben Tage. Dann legte sich der Wind. Sanft landete der Geschichtenbaum mitten im Dorf Immergrün. Die Immergrüner Freunde eilten aufgeregt herbei. Der Hamster Mops, die Hasen Fridolin und Franka, die Katzen Paula und Karl, das Schaf Brigitte mit Sohn Hänschen, die kleine Sonne Smilie und die stillen Tannenzweigmenschen. Sie halfen unseren erschöpften Freunden vom Baum. Dann wurde erstmal ordentlich gegessen und getrunken.
Und erzählt!
Schließlich wollten sie alle nur noch schlafen. Bevor sie sich aber niederlegten, gingen sie zur Eiche, die auf der Erde lag, zum Glück unversehrt. Auch ihre Büchlein waren nicht zu Schaden gekommen. Gemeinsam richteten die Freunde mit all ihrer Kraft den Geschichtenbaum auf, gruben ein großes, weiches Loch, in dem seine Wurzeln Halt finden konnten. Liebevoll betrachteten sie ihn. " In ein paar Tagen bringe ich Dich zurück zu Deinen Eltern",meinte Käthchen zur Karline. " Ronald hat sie von unterwegs aus mit seinem Ei-fon angerufen." Karline nickte. Sie lachte. Sie war so glücklich. Mit ihren Freunden. Mit dem Baum. Mit seinen Geschichten.
Alle gingen zu Bett. Bis auf die Tannenzweigmenschen. Sie betrachteten den Geschichtenbaum mit ihren stillen, freundlichen Menschengesichtern. Ganz nah standen sie bei ihm, der so hübsch aussah mit den kleinen, bunten Büchern an seinen Ästen. Ein leichter Wind kam auf. Die Seiten in den Büchlein raschelten kaum hörbar.
Ruhig steht er da, der Geschichtenbaum.
Die Tannenzweigmenschen beschützen ihn.
Er wartet auf Euch.
Du mußt von Dir erzählen.
Nur Du.
Weil Du Welten in Dir trägst, die wir nicht sehen können.
Weil sie den anderen Welten nicht gleichen.
Du mußt von Dir erzählen.
Damit wir sie sehen können.
Es ist kein Irrtum,
der Mond hat mich angelächelt.
Eben ist er verschwunden hinter tausend Wolken.
Sein Licht schimmert durch sie hindurch.
Es ist sein Lächeln, das über dem Himmel schwebt.
Das Leben hat so ein Ende.
Ich möchte zu ihm eilen,
dabei tanzen und singen,
in einem Kreis um mich selber drehen,
und langsam darin verschwinden.
Der Mensch ist ein Abgrund, ein Sumpf.
Du aber nicht.
Du bist ein Glas,
durchsichtig und klar,
dass bei zu heftigen Stößen
leise zerbricht.
Ich möchte mein Leben beschützen bis zum Ende meiner Tage.
Ein kleines Haus will ich sein, in dem ich mich verstecken kann, in dem ich meine Arme um mich schlinge.
Die Zeit will ich umarmen, ich will sie festhalten.
Bis zum Ende meiner Tage.
Ich liebe die eine Stunde in der Nacht, in der die Welt schläft,
in der nur ich da bin, wo selbst der liebe Gott schläft,
in der ich alles denken kann, alles glauben, alles wissen, alles fühlen, alles sein kann,
solange, bis der Tau sanft auf die Erde fällt
und meine Worte Dich berühren.
Ein alter Mann saß allein auf einem Stuhl im Garten. Es war Winter. Der Mann hatte sein Leben hinter sich, doch er konnte sich nicht mehr daran erinnern. Er konnte sich nur an zwei Dinge erinnern, als er noch ein kleiner Junge war. An die kleine gelbe Papierkrone, die er an seinem Geburtstag auf dem Kopf getragen hatte. "Da war ich ein König", dachte der alte Mann glücklich. Er vergaß auch nicht die warmen Sommerabende, an denen er am Tisch gesessen hatte mit seiner Mutter, mit seinem Vater, mit all seinen Geschwistern. Es hatte Butterbrote gegeben mit Radieschen drauf. Und Salz.
Tief seufzte der alte Mann auf in seinem Stuhl. " Ich möchte so gerne wieder ein König sein", flüsterte er den beiden Krähen zu, die ihn schon sein Leben lang umkreisten. Da flogen sie schnell davon. " Ich habe auch einen Heißhunger auf Radieschen", rief er ihnen nach. Er dachte, es wäre Sommer.
So saß er da, der alte Mann. Mitten im Winter. Der Schnee fiel auf seine Wangen, ganz rosig sahen sie aus. Die zwei Krähen kamen zurückgeflogen. Die eine brachte ihm seine gelbe Papierkrone zurück, die andere die Radieschen.
Ein kleiner Junge saß allein auf einem Stuhl im Garten. Es war Winter. Der Junge lachte. Er aß Radieschen. Eine kleine gelbe Papierkrone trug er auf dem Kopf. " Ich bin ein König", dachte er glücklich. Er glitt von seinem Stuhl herunter mitten hinein in den weichen, warmen Schnee. Der Schnee hüllte ihn ein.
Der König sank in seine Arme.
Rudi, der Apfel, war ziemlich eingebildet. Mit vielen anderen Äpfeln hing er am alten Baum Samuel, der ganz allein mitten auf einer grünen Wiese stand. Samuel war uralt. Die vielen Äpfel, die er Jahr für Jahr tragen mußte, bedeuteten für ihn mehr und mehr Mühsal und Last. In seiner Jugendzeit hatte er sie kaum gespürt, aber jetzt......
Zugegeben, die Äpfel an seinen knorrigen, rauhen Ästen waren wunderschön. Groß, mit leuchtend roter Farbe, und saftig. Jeden Herbst rannten die Kinder herbei. Jubelnd und kreischend kletterten sie an Samuels breitem, leicht gebeugten Baumstamm empor, um sich die leckeren Früchte abzupflücken und sie zu vernaschen. Manchmal kam auch die gute Oma Lisbeth vorbei. Dann rüttelten und schüttelten die Kinder wild am alten Samuel herum, dass die Äpfel nur so herunterpurzelten, beinah der Oma Lisbeth auf den Kopf. " Danke, Kinder", rief sie fröhlich, verstaute einen gehörigen Vorrat in ihrer abgewetzten braunen Tasche und machte sich vergnügt auf den Heimweg.
Ruhig ließen es die Äpfel mit sich geschehen. Was blieb ihnen auch anderes übrig. Baum Samuel war jedes Jahr erleichtert, wenn er auf diese Weise von seiner Last befreit wurde.
Ein Apfel aber, der ließ es nicht ruhig mit sich geschehen. Der begehrte auf, hielt sich für den Schönsten, weigerte sich gepflückt zu werden, geschweige denn auf natürliche Weise vom Baum zu fallen.
Das war Rudi.
Rudi war tatsächlich ein besonderes Prachtexemplar. Tiefrot, kugelrund. Nicht sehr groß. Aber knackig!
"Ich will nicht gegessen werden, nein", schimpfte er und klammerte sich an seinen Ast. " Ich will immer hier hängenbleiben. Alle sollen mich ansehen. Alle sollen meine Schönheit bewundern." "Na, hör mal her", meinte eine Amsel, die gerade an Rudis Astnachbarn herumpickte. "Ewig wird Deine Schönheit aber nicht andauern. Sei froh, dass Du den Menschen Freude bereitest. Uns natürlich auch", zwitscherte sie und flog voller Appetit auf Rudi drauf. "Weg mit Dir", quietschte Rudi erbost. "Ich bin wurmstichig." "Umso besser", erwiderte die Amsel frech, ließ aber doch vom schlechtgelaunte Rudi ab, weil ihr bei dem Gezeter der Appetit vergangen war. " Irgendwann fällst Du vom Baum, dann wirst Du aufgesammelt und endest als Apfelmus im Kochtopf." Sprachs, erhob sich in die Lüfte und weg war sie.
" Niemals", rief Rudi ihr nach. " Ich bleib für immer hier hängen. Ich werde für immer rotbackig und saftig bleiben. Niemals wird meine Schönheit vergehen. Ich habe viel Kraft, nie werde ich Großväterchen Samuel loslassen.
Als der Baum das hörte, schüttelte er seine weise, alte Baumkrone, dass die brüchigen Äste leise knackten und die Blätter sanft erzitterten. Inzwischen war der Herbst schon fast vorbei. Sämtliche Äpfel waren entweder gepflückt worden oder hatten sich von selbst fallen lassen. Außer Rudi natürlich. Tatsächlich hatte er viel Kraft. Er schaffte es, an seinem Ast hängenzubleiben, trotz der Stürme, die inzwischen erbarmungslos am alten Samuel rüttelten, dass der gute, weise Baum aufstöhnte, knarrte und ächzte. Der eigensinnige rote Apfel, der stolz hoch droben in Samuels Wipfel thronte, machte ihm das Leben noch zusätzlich schwer.
Der Herbst verging, der Winter brach herein. Kalt und still. Bald war Rudi mit einer dünnen, weißen Schneeschicht bedeckt. Ein bißchen schimmerte seine rote Farbe hindurch. Niedlich sah das aus. das muß man zugeben. Die Amsel kam zurückgeflogen, hungrig und durchgefroren." Darf ich ein kleines Stückchen von Dir abbeißen?", fragte sie Rudi mit dünnem Vogelstimmchen. " Nein", erwiderte das niedliche Äpfelchen. Traurig flog die Amsel davon.
Samuel schwieg.
Der Frühling kam, schließlich der Sommer. Rudi hing mit anderen, neuen Äpfeln am erschöpften Apfelbaum. Immer noch war er rot, saftig, voll blühender Schönheit. Auch im darauffolgendem Jahr hatte sich nichts geändert. Doch halt! War nicht an der strahlend roten Schale von Rudi ein winziger brauner Fleck? Kaum sichtbar? " Du bist ein bisschen braun an Deiner rechten Apfelhälfte", piepste die Amsel, die wieder zurückgekommen war. Zum Glück ging es ihr wieder gut. "Quatsch", brummte Rudi mürrisch. Natürlich hatte das eitle, eingebildete Äpfelchen diesen Makel schon längst bemerkt.
Wieder gingen alle anderen Äpfel ihren natürlichen Weg.
Bis auf Rudi. Im nächsten Jahr war die braune Stelle an seiner Schale etwas größer geworden. Ein Jahr später noch größer. Die Hälfte der roten Farbe war verschwunden.
Einmal hatte Großväterchen Samuel seine ganze verbliebene Kraft zusammengenommen, sich hin-und hergebogen und geschüttelt, um das lästige Äpfelchen loszuwerden. Doch vergebens. Rudi klammerte sich an ihn, ließ ihn nicht los.
Samuels Baumstamm stand noch ein wenig schiefer da, noch ein wenig gebeugter, noch ein wenig müder.
Ein Jahr später war Rudis Schale vollständig braun. Wieder ein Jahr später war die Schale nicht nur braun, sonder auch völlig verschrumpelt. " Guckt mal", riefen die Kinder. " Da oben hängt ja ein häßlicher Apfel. Eklig sieht der aus. Den wollen wir nicht haben. Oma Lisbeth will den auch nicht." Apfel Rudi fühlte sich auf einmal sehr einsam. Die Amsel kam herbeigeflogen. " Du kannst, wenn Du willst, in mich hineinbeißen", murmelte Rudi leise. Das tat die Amsel auch. " Igitt", piepste sie. Bei ihrem Biss in Apfel Rudi nämlich tropfte eine braune, übelriechende Flüssigkeit aus ihm heraus und versickerte unten in der Erde. " Igitt", rief die Amsel nochmal. Weg war sie.
Rudi sah jetzt so klein aus, wie er da an seinem Ast hing, so klein, schrumpelig, braun, ein bisschen weißlicher Schimmel hatte ihn überzogen. Ganz alleine hing er da oben im Baum.
Samuel war noch älter, noch schwächer. Trotzdem bot er ein letztes Mal all seine Kräfte auf. Er schüttelte sich. Es war eher wie ein sanftes Zittern. Wieder knackten die Äste, wieder bebten die wenigen Blätter leise. Doch diesmal schaffte es der alte Baum. Ein heftiger Windstoß kam ihm zu Hilfe. Apfel Rudi versuchte sich festzuhalten. Vergebens. Mit einem häßlichen Plumps landete er auf der Erde. Braun, kläglich, matschig.
Zum Erbarmen.
Die letzte Kraftanstrengung hatte dem gütigen Baum Samuel das Leben gekostet. Krachend und berstend stürzte er zu Boden.
So liegt er da. Genau über Rudi.
Er hat seine Äste über ihn gebreitet.
Kleine dunkle Wolke
Weit oben, am großen Himmel, lebte die kleine Wolke Kumula. Sie war die einzige von den vielen Wolken, die dunkel war. Alle anderen waren weiß und schwebten leicht und zart über die Erde dahin. Wenn die Menschen nach oben sahen, lächelten sie vergnügt. „ Ach, wie schön, die Sonne scheint, der Himmel ist blau. Wie weiß die Wolken sind, das bedeutet schönes Wetter“, seufzten sie froh. Das hörte die kleine Kumula. Traurig versteckte sie sich hinter der Sonne, obwohl es dort ziemlich heiß war. Sie hatte sich schon so lange nicht mehr hervorgetraut, denn wenn sie es mal gewagt hatte, war immer ein großes Geschrei unten auf der Erde gewesen. „ Igitt, eine kleine dunkle Wolke ist am Himmel. Das bedeutet Regen“, schrien die Menschen und spannten sofort ihre Schirme auf, obwohl es noch gar nicht regnete. Denn Kumula konnte nicht regnen. Sie wußte doch überhaupt nicht, wie das geht. Keiner hatte es ihr beigebracht. Manchmal hatte sie heimlich geübt. Sie hatte die Wolkenbäckchen aufgeblasen, sie hatte gepustet und gepustet. Aber das einzige, was sie hervorbrachte, war ein bisschen Wind.
Ganz allein war Kumula, denn die großen, dunklen Wolken waren schon lange weggezogen. „ Das Geschrei der Menschen, wenn sie uns sehen, halten wir nervlich nicht mehr durch“, hatten sie gemeint. „ Schließlich sind wir nicht mehr die Jüngsten. Wir ziehen in den Norden. Da regen sich die Menschen über ein paar Regentropfen nicht so auf, wenn sie auch nicht gerade begeistert sind. Komm doch mit, Kumula.“ Aber Kumula blieb lieber daheim. Sie fürchtete das fremde Land. Traurig hatte sie ihrer Regenwolkenverwandtschaft nachgewunken, die schwarz und schwer Richtung Norden gezogen war.
Der kleinen Wolke perlte der Schweiß von der Stirn, so heiß war es hinter der Sonne. Eingebildet zogen die weißen Schönwetterwolken am Himmel entlang. „ Huh, da hat aber jemand Angst. Wir sehen Dich trotzdem, brauchst Dich gar nicht zu verstecken. Du bist aber auch so schwarz und hässlich. Kein Wunder, wenn Dich die Menschen nicht mögen. Wenn Du auftauchst, verschwindet die Sonne “, riefen sie gehässig. „ Ich hätte gegen ein paar Tage Kurzurlaub nichts einzuwenden“ , brummte die Sonne, die sich über die hochmütigen, weißen Wolken ärgerte. „ Zieh woanders hin, Kumula, zieh dahin, wo es richtig heiß ist“, riet sie ihr. „ Dort freuen sich die Menschen, wenn sie Dich sehen. Am besten, Du machst Dich noch heute Nacht auf den Weg. Da triffst Du den Mond, der wird Dir den Weg weisen.“
Also machte sich die kleine Wolke nachts auf den Weg. Es war so dunkel, so ruhig, so still. Was, wenn jetzt die gemeinen weißen Wolken kämen, um sie zu ärgern und zu verfolgen. Ängstlich jagte Kumula über den schwarzen Himmel. Allmählich aber, langsam und gemütlich, ging der Mond auf. Sofort erhellte sich die finstere Nacht. Die kleine dunkle Wolke raste am Mond vorbei, ein schwarzes Etwas, das sich für einen winzigen Moment vor ihn schob.
Liebe Kinder, habt ihr in der letzten Zeit, nachts, obwohl ihr da ja eigentlich schlafen solltet, eine kleine dunkle Wolke gesehen, die angstvoll am großen, gelben Mond vorbeigejagt ist? Das war bestimmt Kumula.
„ Kumula“, rief der freundliche Mond, der bereits bestens von der Sonne informiert war. „ Du musst, wenn Du den goldenen Stern erreicht hast, rechts rum und dann immer geradeaus. Morgen früh bist Du am Ziel Deiner Reise.“
So war es. Morgens war Kumula tatsächlich angekommen, wie es ihr der Mond vorhergesagt hatte. Aber wo war sie eigentlich gelandet? Es war ein so fremdes Land. Heiß war es, oh ja, da hatte die Sonne recht gehabt. Die musste es schließlich wissen. Der Himmel war blitzeblau, keine einzige weiße Wolke war zu sehen, niemand, der sich über sie lustig machen konnte.Sie war die einzige Wolke weit und breit. Kumula blickte hinunter auf die Erde. „ Die Menschen sehen hier anders aus als zu Hause. Sie sind ja dunkel wie ich. Ganz aufgeregt rennen sie herum. Sie lachen und winken. Sie gucken nach oben. Meinen sie etwa mich?“, wisperte sie ungläubig. Die dunklen Menschen hörten nicht auf zu winken, zu lachen und nach oben zu schauen. „ Sie meinen wirklich mich“, dachte sie glücklich. Vor lauter Freude kullerten ihr ein paar Tränen aus den Wolkenaugen und tropften hinunter auf die Erde. „ Das sind Regentropfen. Ich kann regnen. Juhuu, ich kann endlich regnen“, rief die kleine Wolke aufgeregt. In ihr war so viel Stolz und Freude, dass sie meinte platzen zu müssen. Immer grösser , immer gewaltiger wurde sie. Bald war sie so riesig, dass sie den ganzen Himmel überzog. Kumula war keine kleine dunkle Wolke mehr, jetzt war sie groß und schwarz. Jetzt konnte sie richtig regnen. Die Menschen unten auf der Erde jubelten, sangen und tanzten. Ihre lachenden Gesichter blickten nach oben zur kleinen großen Wolke Kumula.
Und es regnete und regnete.
Die folgende Geschichte ist den vielen schwarzen Hühnern gewidmet, die in Südfrankreich auf einem Bio-Bauernhof in einem Gehege leben und sterben.
Sie sind wirklich häßlich.
Und haben so freundliche Augen.
Das schwarze Huhn
Das Käfiggehege war gross und vergittert. Viele schwarze Hühner lebten darin. Häßlich waren sie, mit dürren, langen, roten Hälsen. Sobald ein Mensch an den Käfig trat, um Brot ins trostlose Gehege zu werfen, rannten sie alle zu ihm, pressten die schwarzen Köpfe ans Gitter, dankbar und froh über die Brotreste.
Wie konnten sie nur.
Wußten sie nicht, dass sie bald sterben mußten?
Nachts, wenn der Frieden sich über die Welt senkt und ein schwarzes Huhn nach dem anderen den Kopf zwischen die Federn steckt, um einzuschlafen, kommt er.
Der Mensch.
Das Huhn, welches am tiefsten schläft und am schönsten träumt, das packt er. Er dreht ihm den Hals um, solange, bis es, aufgeschreckt aus seinem Schlaf, ihn anguckt, den Kopf zur Seite neigt, die Augen schließt. Und stirbt.
Der Mensch steht da.
Seine Hand umschließt den langen, dürren, roten Hals des häßlichen, schwarzen Huhns. Langsam läßt er den Arm sinken. Er kann die Augen nicht vergessen. Er hatte nicht gewußt, dass sie so schön waren.
Sie hatten gelächelt.
Dabei wußte doch das schwarze Huhn, dass es sterben mußte.
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